14 Freunde

30. juli 2018

Nichtoffiziellen Behauptungen zufolge brauchen moderne Algorithmen der üblichen sozialen Medien nur vierzehn Freundschaftsangaben bei Facebook, um das genaue Persönlichkeitsprofil eines Menschen zu bestimmen. D. h. also zu erkennen, welche Entscheidungen er in welchen Situationen fällen, welchen Vorlieben er folgen und welchem Milieu er zuzuordnen sein wird. Schon drei Facebook-Kontakte, so heißt es, sollen ausreichen, um ein grobes, aber zutreffendes Profil erstellen zu können. Ob es nun vierzehn, vier oder vierzig sind: Entscheidend ist die Aussage, dass es nur weniger Kontakte bedarf, damit eine Maschine ganz emotionslos und unbestechlich ein Bild von mir zeichnet, dass in weit über 90% der real existierenden Lebenssituationen in der Lage ist, mein Verhalten und meine Sicht der Dinge vorherzusagen. Das finden manche Menschen so aufregend und verlockend, dass sie alles daran setzen, dieses Vermögen zu perfektionieren und zur Vollendung zu treiben. Andere wiederum halten diese Perspektive für einen solchen antihumanen Horror, dass sie kurz davor stehen, Anschläge auf jene Firmen zu begehen, in denen derlei erdacht und ins Werk gesetzt wird. Aufzuhalten ist die Entwicklung der künstlichen Intelligenz, die solche Kompetenzen als gesellschaftliche Selbstverständlichkeit zu etablieren sucht, nach menschlichem Ermessen nicht. Die Sache läuft.
Meine Frage betrifft die 14 Freunde. Und zwar in dreierlei Hinsicht. Erstens: wer hat schon 14 Freunde, die diesen Namen auch verdienen? Zweitens: Welcher von diesen Freunden, die diesen Namen auch verdienen, betreibt einen Facebook – Account? Und drittens: Wenn die Summe der Profildetails, die sich aus den 14 Freundschaftszusammenhängen erheben lässt, weit über 90% meiner realen Existenzeigenschaften ausmachen – wer gibt die Gewähr, dass die verbliebenen nichterhobenen Merkmale nicht die entscheidenden sind? Es ist wie bei der berühmten Weisheit, dass weniger als 20% der Inhalte einer Rede für deren Erfolg verantwortlich seien: Der geäußerte und damit verbindliche Inhalt liegt aber dennoch zu 100% bei diesen vermeintlich vernachlässigbaren 20%. Ich lege Ehre ein für die letzten Prozentpunkte menschlicher Unberechenbarkeit: hier wird der Sieg über die Maschinen erfochten. Wie bei John Connor und dem Terminator II, jawohl.

 
Helmut Aßmann

 

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